PatchworkQuiltsandMore
Nach einem Hackerangriff sind wir dabei die Seite neu aufzubauen

Publikationen

  • Patchwork Guilde
  • Publikationen
  • Veröffentlichungen
Details
Published: 16 July 2026
Hits: 100

 

Karriereorrientierung für Frauen

 

Details
Published: 16 July 2026
Hits: 217

Meine Eindrücke als Teilnehmerin am Textile Intensive Course

 

Textile Research Centre in TRC, Leiden, Juni 2024


Das Textile Research Centre (TRC1) wurde 1991 als unabhängige Stiftung gegründet mit dem satzungsmäßigen Ziel, der Erforschung von Textilien, Kleidung und Accessoires ihren angemessenen Platz in den Geistes- und Sozialwissenschaften, aber auch im Kontext des Handwerks und der Handwerksausbildung zu geben. Das TRC tut dies, indem es Kurse und Vorlesungen anbietet, Forschung betreibt und Textilien und Kleidung aus aller Welt präsentiert. Die beiden hauptsächlichen Forschungs-Schwerpunkte des TRC sind (a) Kleidung und Identität: was Menschen tragen, um auszudrücken, wer sie sind, und (b) die Erforschung und Sichtbar-Machung von Textiltechnologie, also die Herstellung und Aufbereitung von Kleidung und Textilien, sowohl aus vorindustriellen als auch aus modernen Epochen, ebenso wie die unzähligen textilen Fertigkeiten wie z.B. Nähen, Spitzenklöppeln, Applikation und Stickerei zu präsentieren und zu bewahren. Seit 2009 ist das TRC im Zentrum der historischen Stadt Leiden in den Niederlanden untergebracht, hier stehen Ausstellungsflächen, ein großes Depot, Büros und Arbeitsräume zur Verfügung.

Um seiner Aufgabe nachzukommen, baut das TRC kontinuierlich verschiedene Sammlungen auf, darunter eine Textil- und Bekleidungssammlung für Textilien, Stoffe, Trachten und Gewebearten aus aller Welt, insgesamt eine unvorstellbar große und vielfältige Sammlung selbst gesammelter, aber auch gespendeter Textilien und zugehöriger Accessoires. Das TRC beherbergt derzeit fast 50.000 textile Objekte, die alle katalogisiert und online zugänglich sind. Viele dieser Textilien sind für sich genommen historisch und biografisch bedeutsam, doch die Sammlung wurde als pädagogisches Instrument aufgebaut und repräsentiert alle möglichen Techniken, Materialien und Werkzeuge zur Herstellung und Verzierung von Textilien und Kleidungsstücken, die heute noch verwendet werden, von denen einige jedoch bald in Vergessenheit zu geraten drohen wie z.B. die Spitzen-Klöppeltechnik. Gleichzeitig wird eine Referenzsammlung mit Mustern und Objekten aufgebaut, die zur Identifizierung verwendet werden können und (in einigen Fällen) auch Proben für die analytische Analyse von Textilien (Faser-, Farbstoff-, DNA-Analyse usw.) bereitstellen. Die Sammlung umfasst Faserproben, Fäden- und Garnarten, gewebte und nicht gewebte Formen, Spitzen, bestickte und hand- und maschinenbedruckte Textilien sowie eine Vielzahl verschiedener Geräte zur Textilherstellung, u.a. eine Sammlung von historischen und modernen Nähnadeln aus mehreren Jahrhunderten. Diese Referenzsammlung steht Forschungseinrichtungen und Wissenschaftlern zur Verfügung, um die Identifizierung textiler Formen und Techniken zu unterstützen.

Die Bibliothek des TRC (rund 6500 Bücher, eine umfangreiche Artikelsammlung sowie Bildmaterial wie Fotografien, Drucke und Postkarten) unterstützt die Forschung zusätzlich. Diese Bücher decken ein breites Spektrum an Themen rund um Textilien und Kleidung ab. Sie sind in drei Hauptgruppen unterteilt: (a) Nachschlagewerke; (b) Anleitungen und (c) regionale Textil- und Kleidungsstudien. Der Katalog der Bibliotheksinhalte ist online verfügbar.

Um Textilien und Kleidung bekannter zu machen, organisiert das TRC in regelmäßiger Abfolge eine Reihe von Intensivkursen und Workshops zu verschiedenen Themen rund um Textilien und Kleidung, einschließlich Textiltechnologie. Studierende, Designer und Wissenschaftler aus vielen Ländern kommen nach Leiden, um die Einrichtungen des TRC zu nutzen und an Workshops und Kursen teilzunehmen. Dazu gehört ein regelmäßig stattfindender mehrtägiger Kurs zu den grundlegenden Techniken der Textilherstellung, der sowohl nationale als auch internationale Teilnehmer*innen anzieht. Der „Textil Intensive Course“, an dem ich kürzlich teilgenommen habe, wird von Dr. Gillian Vogelsang-Eastwood2, der Gründerin des TRC, geleitet, und dauert fünf Tage. Jeder Tag ist jeweils einer der kompositorischen Technologien gewidmet, aus denen Textilien bestehen. Das Kurskonzept besteht also darin, jeden Tag eine Fertigkeit zu erlernen, und zwar nicht, um tatsächlich ein Textilstück herzustellen, sondern um konzeptionell die dahinterliegende Technik durch eigenes Tun zu erfassen.

 

 

 

Resist-Dyeing3

 

 

Weben

 

 

 

Färben von Wolle mit unterschiedlichen natürlichen Farbstoffen und Beizen

Der Kurs begann mit der Erläuterung der Eigenschaften von Fasern, Garnarten und ihrer Konstruktion wie Spinnen, Kardieren usw.. Anschließend wurden grundlegende Webarten und Webtechniken erläutert – mit besonderem Schwerpunkt auf Samt. Anschließend folgten eine Webanalyse, eine Diskussion über Naturfarben und Färben, eine Einführung in Batik, Ikat- und Wachsdruck sowie abschließend Druck und Stickerei. All diese Themen wurden zunächst praktisch und anschließend theoretisch behandelt, um, wie Dr. Vogelsang-Eastwood, erklärt, das Thema „empirisch zu verstehen“. Dabei sprangen wir innerhalb eines Tages von der mikroskopischen Analyse von Fasern zu einer Lektion über Beizen und die Vielfalt vormoderner Farbstoffe – und das alles mit der gebotenen Intensität, die das anspruchsvolle Kursprogramm versprach.

Dr. Vogelsang-Eastwood ermöglichte dem internationalen Teilnehmerinnenteam auch die taktile Auseinandersetzung mit den Textilien, indem sie moderne und vormoderne Stücke aus Kisten nahm, damit wir sie betrachten und betasten konnten. Die weltweit anerkannte Expertin für die Analyse und Geschichte aller Arten von Textilien führte uns dabei akribisch und mit gebotener Bestimmtheit und einer guten Prise Humor in die Besonderheiten globaler Textilien und in die Textilherstellung in historischen Kontexten ein. Beim Stöbern in Büchern und beim Besuch von Ausstellungen hat man selten die Möglichkeit, Textilobjekte so genau zu betrachten, dass man die Webart des Stoffes erkennt und die Stiche einer Stickerei oder Applikation identifizieren könnte. Daher war es ein besonderes Vergnügen, hier tatsächlich einmal auch kostbare und historische Stück anfassen und im Detail Vorder- und Rückseite mit und ohne Lupe in Augenschein nehmen zu können und in die Diskussion und Analyse alter (und sehr, sehr alter) Stoffe einsteigen zu können. Objekte der Sammlung, wie sie man in Nationalmuseen oder vermögenden Privatsammlungen erwartet (und wir sahen nur einen Bruchteil davon), konnten wir berühren, anfassen, bewundern, und von ihnen lernen.

In dieser Woche lernten wir alle eine Menge neuer Fertigkeiten: Wolle kardieren, spinnen, färben und mit den dafür notwendigen Chemikalien und Beizen arbeiten, weben und sogar Samt herstellen. Es gab nichts, was wir nicht angefasst oder ausprobiert hätten, und neben harter Arbeit gab es auch jede Menge Kekse und viel Gelächter. Mittagspausen wurden oft ausgelassen, um in der Bibliothek zu stöbern, Fotos zu machen und noch tiefer einzusteigen in diese faszinierende Thematik unseres textilen Erbes. Die letzten Tage verbrachten wir damit, aus dem Archiv der Sammlung immer komplexere Textilarbeiten einer unglaublichen Vielfalt von Kulturen und Materialmixen zu „lesen“. Unnötig zu erwähnen, dass wir alle von diesem herausfordernden Programm am Ende des Tages und erst recht am Ende der Woche mehr als nur müde waren….

Als physisches Ergebnis am Ende des Kurses hielt jede Teilnehmerin eine dicke Sammlung mit selbst erstellten Beispielen und zahlreichen, ausführlich erklärten Textilmustern aus dem TRC-Lehrmaterial in den Händen. Wir wurden dazu ermutigt, eine Art Mustermappe zu erstellen: von allen möglichen Fasern (Ziegenhaar, Seidenkokons, Mohair-, Alpaka- und Merinowolle und sogar Mammuthaar), über Musterstücke verschiedenster Stoffqualitäten bis hin zu komplexen Samtstrukturen, die unter Lichteinfall durch ihre erstaunlichen Muster seidig schimmerten. Nachdem ich diese Blättersammlung nach meiner Rückkehr geordnet hatte, stellte sich heraus, dass sie einen ganzen großen Ringordner füllte, und erst da wurde mir klar, wie tief wir in dieser Woche in das Hunderte von Jahren alte textile Erbe unserer Vorfahrinnen eintauchen durften und wie viel ich in dieser Woche gelernt hatte.

Einer der Punkte, die Dr. Vogelsang-Eastwood während des Kurses betonte, war, dass die textile Mustersammlung, die wir kursbegleitend begonnen hatten, uns aufzubauen, auch nach Abschluss des Workshops weiterhin wachsen solle. Diesen Rat habe ich mir zu Herzen genommen und ich habe mir vorgenommen, im Zuge meiner eigenen Arbeiten an Quilt-, Patchwork– und sonstigen textilen Projekten jeder Art, sie kontinuierlich fortzuführen. Was ich aus dieser Woche mitnahm, war ungleich viel mehr als nur ein Ordner voller Notizen und Muster, es war ein Erlebnis und ein Ansporn zugleich, das textile Erbe der verschiedenen Kulturen der Welt wertzuschätzen, zu bewahren und fortzuführen. Fazit: sehr empfehlenswert!

1 TRC Leiden

2 Encyclopedia of Embroidery from the Arab World, Bd. 2 Encyclopedia of Embroidery from Sub-Saharan Africa, Bd. 3 Encyclopedia of Embroidery from Central Asia, the Iranian Plateau and the Indian Subcontinent, Bd. 4 Encyclopedia of Embroidery from Scandinavia and Western Europe. Siehe: https://www.bloomsbury.com/us/series/bloomsbury-world-encyclopedia-of-embroidery/

3 Resist Dyeing ist eine Technik, bei der bestimmte Bereiche eines Textils vor dem Färben geschützt werden, um Muster und Designs zu erzeugen. Dies geschieht, indem diese Bereiche entweder mechanisch (z.B. durch Binden, Falten, oder Abklemmen) oder mit einer resistenten Substanz (z.B. Wachs, Paste oder Schlamm) abgedeckt werden. Dadurch wird verhindert, dass die Farbe an diesen Stellen eindringt, und es entstehen helle oder unifarbene Bereiche auf dem gefärbten Stoff.

     

Details
Published: 14 July 2026
Hits: 102

Die Corona-Zeit der zweiten Welle in Deutschland, also beginnend Okt./Nov. 2020, habe ich genutzt, um einen New York Beauty Quilt umzusetzen, den ich schon lange einmal in Angriff nehmen wollte. Dabei habe ich auf ein Stickdesign von Sweet Pea, einer australischen Design- und Kreativwerkstatt, zurückgegriffen.

Die Umsetzung erfolgte mit meiner Stickmaschine, eine Janome Memory Craft 500E, die seit nunmehr 6 Jahren meine Nähstudio neben Nähmaschine und Longarm komplettiert. Von Anfang kam für mich nie in Frage eine Erweiterung der "regulären“ Nähmaschine mit einem Stickmodul vorzunehmen, sondern ich wollte immer schon eine zweite Maschine, also eine Stickmaschine als Stand-Alone-Unit dazu nehmen. Das erlaubt mir, falls ich einmal eine Reparatur oder ein Problem mit einer der Maschinen habe, die Zeit mit der anderen Maschine zu überbrücken, und außerdem vermeide ich so die häufigen Umrüstungen der Nähmaschine mit dem Stickmodul und die Unterbrechung aller übrigen Näharbeiten. Demzufolge habe ich in der Regel mindestens zwei Projekte in Arbeit, manchmal auch mehr.

 

Sweet Pea kenne ich seit etwa 4 Jahren, das Unternehmen ist bisher immer auf der Nadelwelt präsent gewesen, und ich habe schon eine ganze Reihe von Designs übernommen und mit kleineren und größeren Individualisierungen und Abänderungen umgesetzt.

 

Der Quilt, den ich hier vorstellen möchte, besteht in meiner Version aus 64 Viertelblöcken. Dabei wird Block für Block gearbeitet, also das Stickdesign auf gleichzeitig Stickvlies, Batting und Top „in einem Schritt“ aufgestickt und gequiltet. Die Applikationen, die dabei aufgebracht werden, können farblich nach eigenem Gusto sowohl im Hinblick auf Stoffwahl und auch auf Stickgarn jederzeit verändert werden.

 

Farblich habe ich dabei ausschließlich auf Scraps, also Reste, zurückgegriffen, mit Ausnahme der Hintergrund- und Rückseitenstoffe. Dazu habe ich alle Scraps farblich vorsortiert, und zwar in sechs verschiedenen Farbsystemen, also z.B. alle grünen Reste, alle roten Reste, alle blauen Reste, alle gelben, alle orangefarbenen und alle pinkfarbenen Reste. Darauf abgestimmt habe ich jeweils vier verschiedene Garnfarben aus dem gleichen Farbsystem und jeweils zwei Komplementärfarben dazu sortiert und dann immer wieder die Viertelkreis-Segmente zwar in unterschiedlicher Anordnung und Zusammensetzung, aber in immer gleichen Farbsystemen gearbeitet.

 

Hier folgt eine Reihe von Fotos aus dem Projekt, die die verschiedenen Arbeitsschritte einer dieser sechs Designvorlagen zeigt. Insgesamt variiert das Aussticken der Viertelkreise je nach Anzahl der Farbwechsel von zwischen knapp 60 und 90 Minuten. Zwischen den einzelnen Applikationsschritten und Farbwechseln muss die Arbeit jeweils mit Rahmen aus der Maschinen herausgenommen werden, um den gerade bearbeiten Applikationsstoff zurückzuschneiden und für den nächsten Arbeitsschritt vorzubereiten. Diese Arbeitszeit ist noch hinzuzurechnen. Insgesamt habe ich mit allen Restarbeiten wohl etwa 140-150 Stunden in den Quilt investiert.

Die Anordnung der Viertelkreise kann dann ebenfalls ganz beliebig erfolgen, frau/man kann halbe, viertel und ganze Kreise unterschiedlich zusammensetzen, auch Vollkreise können gelegt werden, wobei die Spannung beim Betrachten allerdings immer im „Bruch“ entsteht, also durch das Einbinden mindestens eines „verdrehten“ Elements. Die Designvorlage erlaubt die Auswahl aus sechs verschiedenen „Mustern“, und zwar in unterschiedlichen Größen.  Ich habe mich für eine

Blockgröße von 18x18cm entschieden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass alles Designvorlagen von Sweet Pea mit Inch-Angaben ausgestattet sind und die metrischen Angaben als Ergänzung für den deutschen bzw. europäischen Markt mitgeliefert werden.

 

Nun geht es in einem letzten Schritt ans Zusammensetzten der Blöcke, hier verschiedene mögliche Varianten. Das folgende Foto zeigt nicht die Anordnungs-Variante, für die ich mich entschieden habe, sondern eine Version, die ich ursprünglich vorhatte, mir aber dann letztlich doch nicht so gut gefallen hat wie meine endgültige Version.

 

Auch übrig gebliebene Viertelkreiselemente, die am Ende aufgrund der Farbanordnung des Quilt-Layouts keine Verwendung finden, müssen nicht aussortiert werden, sondern können z.B. als Tischläufer oder als Kissen verarbeitet und noch sinnvoll genutzt werden.

 

Dann folgt das Montieren der Rückseite, diese wird nur durch „Quilting in the ditch“ mit dem Top verbunden wird. Das Binding kann nach eigener Vorliebe entweder schmaler oder breiter gestaltet werden, ich habe mich gegen einen Rahmen entschieden, damit die Beauty Blocks für sich wirken und besser in den Vordergrund treten können und damit die Wirkung durch keine anderen Elemente eingeschränkt wird.

 

Dieses Projekt hat ungeheuer Spaß gemacht, insbesondere das Jonglieren mit Farben und Reststücken, das Zusammenfügen von unterschiedlichen Mustern und Zierstichelementen in wiederrum verschiedenen Garnfarben war die reine Freude. Und daher habe ich beschlossen, dass dies nicht mein letzter New York Beauty Quilt sein wird.

Ich spiele gerade mit dem Gedanken, dieses Design evtl. als Christmas Quilt in einem reduzierten Farbspektrum, vielleicht rot-grün-weiß zu arbeiten, und bin mitten in den Vorüberlegungen…

 

 

 

Fotos: Dr.Daniela Dienst-Loth, außer: Sweet Pea Version

Publiziert in Patchwork Gilde-Zeitschrift 03/2021

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Design by i-cons.ch / namibia-forum.ch
Details
Published: 14 July 2026
Hits: 144

Der Teppich von Bayeux

 

1895x250

 

Quelle: http://www.stephen.j.murray.btinternet.co.uk/hastings.htm, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1481428

 

Der sogenannte „Teppich von Bayeux“ ist eigentlich kein Teppich, sondern ein mit Wollfäden bestickter Leinenstreifen, der seit 1982 in einem speziell für dieses textile Kunstwerk eingerichteten Museum der Stadt Bayeux ausgestellt ist. Der Teppich wird zuweilen auch als Bildteppich der Königin Mathilda von Flandern nach der Gattin Wilhelm des Eroberers bezeichnet und gehört seit 2007 zum UNESCO-Programm „Memory oft the World“. Die Aufnahme in das UNESCO-Programm belegt die Bedeutung, die diesem Werk der Textilkunst aus heutiger Sicht beizumessen ist.

Der Teppich gilt heute als das älteste noch erhaltene textile Kunstwerk Europas, das wir kennen. Die ca. 50 cm hohe Stickerei, die im letzten Drittel des 11. Jahrhunderts entstanden ist, hat mit 70,34 Meter eine außergewöhnliche Länge. Aber anders als viele andere Kunstwerke dieser Zeit diente sie zweifellos nicht der religiösen Erbauung, sondern schildert profane, also weltliche Geschehnisse, die eine zeitgeschichtliche Bedeutung und damit dokumentarischen Charakter haben.

Die gestickten Darstellungen schildern die Geschichte der Eroberung Englands durch die Normannen im Jahre 1066 in der Schlacht von Hastings sowie die Vorgeschichte dieses Ereignisses, und zwar nicht nur den Hergang der Schlacht selbst und die nachfolgende Machtübernahme durch den normannischen Herrscher Wilhelm („Wilhelm der Eroberer“), sondern verweisen auch auf die Vorgeschichte diese Ereignisses und damit auf die Streitigkeiten rund um die mangels eigener Nachkommen ungeklärte Nachfolgefrage zwischen dem letzten angelsächsischen König Edward (Edward der Bekenner) und dem Earl of Wessex, Harold Godwinson. Dabei folgt die Stickerei kontinuierlich von links nach rechts einer ununterbrochenen Reihe von insgesamt 58 Einzelszenen, die die Geschichte der normannischen Invasion vorführt. Aus diesem Grund ist der Teppich zuweilen auch als „der erste Comic“ der Kunstgeschichte bezeichnet worden.

Die Randborten des Teppichs zeigen u.a. Tiere, Pflanzen, Fabeltiere und Fabelszenen, also Schmuckelemente aus vorchristlicher Zeit und lateinische (heute unvollständige) Erläuterungen zu den Darstellungen. Die Details des Hauptfrieses wiederum geben Aufschluss über viele Aspekte des mittelalterlichen Lebens, so z.B. Einzelheiten zu Schiffbau, Jagd, Kampf und Ausrüstung mittelalterlicher Krieger ebenso wie zur Frühjahrsbestellung der Felder, der Zubereitung von Mahlzeiten, Tracht, Frisuren und Schmuck.

Gesandte Herzog Wilhelms suchen Graf Wido auf. Die Randborte zeigt Bauern bei der Frühjahrsbestellung der Felder.  Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17142094

 

Die Stickerei zeigt auch die erste bekannte bildliche Darstellung des Kometen Halley, der um die Zeit der dargestellten Ereignisse (1064-1066) den sonnennächsten Punkt erreichte.

Szene 32 mit dem Kometen Halley

Quelle: Image on web site of Ulrich Harsh. - http://www.hs-augsburg.de/~harsch/Chronologia/Lspost11/Bayeux/bay_tama.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17142094

  

Insgesamt sind 623 Menschen dargestellt, fast ausnahmslos Männer, der gesamte Teppich zeigt nur drei (!) Frauen, eine der dargestellten Frauen ist Königin Edith, der Gattin König Edwards, die zweite Frau wird zwar namentlich benannt, jedoch handelt es sich um keine historisch bekannte Person, wir wissen nicht, wer die geheimnisvolle Aelfgyva ist, die dritte Frauengestalt ist unbekannt und wird nicht namentlich genannt.

 

Der die Stickerei tragende Leinengrund ist in neun Stücken gewebt worden, die Stücke sind zwischen ca. 6 und 13,5 Meter lang und mit Nähten aneinandergefügt worden. Gestickt wurde vermutlich mit Bronzenadeln, die Wollfäden der Stickerei wurden ausschließlich mit Pflanzenfarben, so u.a. Färberresede, Färberwaid und Färberkrapp gefärbt, insgesamt wurden zehn verschiedene Farbtöne verwendet. Die unterschiedlichen Schattierungen reichen von rötlichem Gelb und Ocker über Terracotta-Rot, Blaugrün, Resedagrün, Olivgrün und Blau bis hin zu bläulichem Schwarz, insgesamt wurden ca. 45kg Wolle verarbeitet. Neben Stepp- und Stilstichen wurden die Stickflächen mehrheitlich in der sogenannten Auflegetechnik (auch Bayeux-Technik) gearbeitet, dabei werden die Fäden dicht an dicht nebeneinander auf die Leinwand gesetzt und darüber wird eine zweite Stickerei als fixierende Schicht gelegt, die die reliefartig aufgelegten Fäden in der Fläche anheftet und sichert.

 

 Detail „Auflegetechnik“
Quelle: Wikimedia Commons, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2298460

 

Trotz einiger Beschädigungen und ungeachtet des fehlenden Abschlusses - die letzten etwa 1,4 m der Bildgeschichte fehlen und sind seit Jahrhunderten verschollen, wir besitzen also keinerlei Vorstellung davon, wie die Bildergeschichte endete -, hat der insgesamt erstaunlich gut erhaltene Teppich die letzten 900 Jahre nahezu unbeschädigt überdauert.

Wissenschaftlich ungeklärt sind nach wie vor Entstehungsort und Auftraggeber, wobei die unterschiedlichen „Lagern“ angehörenden Experten die Auftragsarbeit entweder als normannische Rechtfertigung für die gewaltsame Eroberung Englands sehen oder aber als unter den Angelsachsen begonnene Chronik definieren, die die Unrechtmäßigkeit der Eroberung anprangerte, aber durch nachträglich vorgenommene normannische Kaschierungen und Verbrämungen der wesentlichen Schlüsselszenen des Machtgefüges zwischen den drei beteiligten Herrscherhäusern im Sinne der Sieger „geschönt“ worden sei. Bislang gilt den meisten Experten Odo, Bischof von Bayeux und Bruder des Normannenkönigs Wilhelms als wahrscheinlichster Auftraggeber.

Wo hing der Teppich nach seiner Fertigstellung und für welchen Ort wurde er hergestellt? Auch auf diese Fragen weiß die Wissenschaft (noch) keine abschließende Antwort, es gibt keine schriftlichen Quellen, die dazu Auskunft geben könnten. Denkbar sind zwei Bestimmungsorte: der Teppich könnte zum einen als Schmuck für einen Palastsaal oder die königliche Halle des Normannenkönigs Wilhelm quasi als Werk normannischer Bildpropaganda gedacht gewesen sein, schließlich waren Wandteppiche im Mittelalter in den Hallen der Mächtigen weit verbreitet. Zum anderen könnte er aber auch alternativ für eine Kirche oder Kathedrale als Innenraum-Bildteppich zur Erbauung der Gläubigen zu besonderen Festen ausgestellt worden sein. Beides wäre in Übereinstimmung mit der ursprünglichen Bestimmung und Funktion des Werkstücks als „mobiles Triumphdenkmal“ zu sehen: Zielstrebig und nachhaltig wird der Betrachter, nicht zuletzt durch die einfachen Texte, darüber belehrt, wie die Geschichte verlief, und es wird nachdrücklich davor gewarnt, sich gegen die normannische Herrschaft aufzulehnen, etwa indem bildhaft brennende angelsächsische Häuser als Strafaktion der Normannen vorgeführt werden.

 

Außerdem ist nach wie vor ungeklärt, an welchem Ort und in welchem Land die Werkstätte arbeitete, in der er gefertigt worden ist, die heutige Forschung plädiert in der Mehrzahl für Südengland, aber es gibt auch Stimmen, die eine Entstehung in Bayeux, also im Zentrum der Normandie ins Feld führen. Dafür spricht, dass der Teppich sich seit etwa 1420 offenbar als fester Bestandteil des Kirchenschatzes im Besitz der Kathedrale von Bayeux befand. Andererseits sind die kurzen Texte in einem eher einfachen Latein gehalten, was wiederum für eine angelsächsische Herkunft des Entwurfs spricht. Zudem gab es in Südengland, besonders rund um Canterbury, bereits im Frühmittelalter mehrere angesehene Schulen und Werkstätten für dekorative Stickerei, nicht jedoch in der Normandie.

Leider gibt es auch keinerlei Anhaltspunkte dafür, wer bzw. wie viele Stickerinnen innerhalb welchen Zeitraums den Teppich herstellten. Die Forschung geht heute vor allem aufgrund der Einheitlichkeit in der Form- und Farbgebung des Originalteppichs von der Herstellung durch eine vielköpfige und erfahrene Ateliergemeinschaft aus. Vermutet wird, dass der Entwurf des Frieses von einem Künstler stammt, der von der Schlacht als Zeitzeuge direkte Kenntnisse hatte, und dass es sich um eine Auftragsarbeit handelt, die in einer professionellen Werkstatt ausgeführt wurde. Zweifellos waren mehrere Stickerinnen zugleich tätig, um das gigantische Projekt zu realisieren. Im Jahr 1885 wurde eine Kopie des Werks begonnen, und damals teilten sich immerhin rund 40 Frauen der „Leek Embroidery Society“ die zweijährige Arbeit bis zu deren Vollendung im Jahre 1887, unter zwar unter Hinzuziehung der im 19.Jahrhundert verfügbaren technischen Erleichterungen rund um das Thema Weben, Spinnen und Färben. Diese weitgehend originalgetreue Kopie findet sich heute im Stadtmuseum von Reading.

 Bekannt ist, dass Königin Edith, die Gattin Edwards, nach der Schlacht von dem Sieger Wilhelm in das Kloster von Winchester „verbannt“ wurde, zeitgenössische Quellen beschreiben Edith von Wessex als ungewöhnlich gebildete Frau, die großen Einfluss auf die Regentschaft Englands ausübte. Als Königin verwaltete sie die königliche Kleiderkammer und verfügte über Verbindungen zu zahlreichen, meist in Klöstern angesiedelten Werkstätten, die Textilarbeiten ausführten. So verfügte auch das Kloster von Winchester über eine weithin bekannte und berühmte Stickereiwerkstatt, so dass die Vermutung naheliegt, dass Edith ihre letzten Jahre an ihrem Witwensitz in Winchester als Auftraggeberin mit dem Entwurf und der Ausarbeitung des Bildteppichs verbracht haben könnte. Ein zusätzliches Argument für sie als Auftraggeberin könnte sein, dass Edith als eine der wenigen auf dem Teppich abgebildeten Frauen in Edwards Sterbeszene verewigt wurde. Belegt werden konnte diese Hypothese bislang jedoch nicht.

König Edward auf dem Sterbelager, umgeben  von Getreuen und einer trauernden Frau (Königin Edith?)
Quelle: Von Image on web site of Ulrich Harsh. - http://www.hs-augsburg.de/~harsch/Chronologia/Lspost11/Bayeux/bay_tama.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17142018

  

Insgesamt mehr als 400 Publikationen beschäftigen sich mit dem Kunstwerk, die den verschiedensten Genres angehören, wenn auch die Mehrzahl der Publikationen historischen bzw. wissenschaftlichen Charakter hat. Kylie Fitzpatrick hat im Jahr 2003 einen anderen Zugang gewählt und hat den spannenden und sehr gut recherchierten historischen Roman „Der geheime Faden“ vorgelegt (auch als Audio-Hörbuch erschienen), der die Entstehungsgeschichte des Teppichs auf eine besondere Art beleuchtet. Sie stellt die drei Frauenfiguren des Teppichs in den Mittelpunkt ihrer Geschichte und hat damit einen völlig neuen Zugang zu dem Kunstwerk eröffnet, der bislang so noch nicht vorhanden war: Madeleine, eine junge Historikerin, die an der Universität von Caen in der Normandie unterrichtet, findet im Nachlass ihrer kürzlich verstorbenen Mutter in deren Haus in Canterbury die Abschrift eines uralten lateinischen Schriftstücks, dessen Herkunft zunächst noch ungeklärt und rätselhaft bleibt. Im Zuge ihrer weiteren Recherchen findet Madeleine heraus, dass es sich bei dem Originaldokument, von dem ihre Mutter die Abschrift vorgenommen wurde, um eine mittelalterliche Chronik, genauer um das Tagebuch einer der Stickerinnen des Teppichs von Bayeux handelt. Es gelingt ihr, die originale Handschrift, die sich seit Jahrhunderten nach wie vor im Besitz der Familie einer entfernten und hochbetagten Tante von Madeleines Mutter befindet, ausfindig zu machen und deren Besitzerin davon zu überzeugen, dass diese übersetzt und der Wissenschaft zugänglich gemacht werden muss. Bei der Übersetzung des Dokuments schließlich erfährt Madeleine immer mehr Geheimnisse, über denen bislang der Schleier der Vergessenheit lag, und entschlüsselt letztlich die gesamte Tagebuchchronik, die bis in ihre eigene Familie zu reichen scheint. So entspinnt sich eine wechselseitige Geschichte, die gleichzeitig in der Gegenwart und in der Zeit der Entstehung der Stickarbeit spielt, denn wir erfahren über die Rückblicke in der Niederschrift der Stickerin eine faszinierende Menge an Detailinformationen über die Entstehungsbedingungen der Stickerei ebenso wie über die Lebensbedingungen der Stickerinnen selbst, und nicht zuletzt werden dadurch auch die auf dem Teppich dargestellten historischen Ereignissen kurz vor und in der Zeit der Eroberung Englands aus dem Blickwinkel dieser drei Frauen geschildert. Fitzpatrick gelingt es dadurch, den beiden unbekannten Frauen auf dem Teppich, die ja dort namentlich nicht genannt und dadurch nach wir vor nicht identifiziert werden können, ein Gesicht und damit eine Identität zu verleihen, die der Wirklichkeit durchaus nahe zu kommen vermag, so dass die Leserin nicht umhin kann zuzustimmen: … so könnte es tatsächlich gewesen sein.

Und damit wird zugleich auch die Frage nach der Bedeutung dieses frühen Kunstwerks der Textilkunst für uns als Stickerinnen und/oder Quilterinnen beantwortet, denn schon immer und über viele Jahrhunderte hinweg und in nahezu allen Regionen der Welt haben Quilterinnen als „Hüterinnen einer Fundgrube von Stick-, Farb-und Schnittmustern von großer Komplexität und Schönheit“ die Mythen und die Geschichte der Völker dokumentiert – und wir sind es auch, die die „verborgene“ Geschichte aufschreiben, indem wir dafür sorgen, dass die Biographien und die Arbeiten unzähliger Frauen und Quilterinnen, die vor uns da waren und die Kunstwerke aus Stoff und Fäden erschufen, erhalten und im Andenken der nachfolgenden Generationen lebendig bleiben. Oder, um es mit Tula Pink im Vorwort zu ihrem Band „Modernes Quilten“ zu sagen:

Die Arbeit an einem Quilt gibt unserem Leben jenen tieferen Sinn jenseits von Gestern, Heute und Morgen, und so sparen wir uns die Zeit von unserem beschäftigten Leben ab und verwandeln Abstellräume, Lieblingsplätze und Hinterzimmer in Orte unserer Arbeit. Wir reisen weit, wörtlich wie spirituell und virtuell, um mit Unseresgleichen zusammen zu sein, um unsere Geschichten auszutauschen und um unser Leben und unsere Talente bei dem angenehmen Summen einer Nähmaschine zu teilen.

 

 

Bibliographie:

Hicks, Carola, The Bayeux Tapestry – The Life Story of a Masterpiece, Vintage Books, London 2007 (ISBN 9780099450191)

Fitzpatrik, Kylie, Der geheime Faden, Schröder Verlag 2003 (ISBN: 9783548259680)
als ungekürztes Hörbuch im Radioropa-Verlag 2006 erschienen (ISBN: 978866673298)

Grape,Wolfgang, Der Teppich von Bayeux. Triumphdenkmal der Normannen, Prestel Verlag 1994, ISBN 9783763243198

Centre Guillaume le Conquérant,
Link zum Museum Bayeux: www.bayeuxmuseum.com
Die Webseite des Museums zeigt den kompletten Teppich in hoher Auflösung.

https://de.wikipedia.org/wiki/Teppich_von_Bayeux oder: www.wikipedia.org:  Suchbegriff „Teppich von Bayeux“

Pink, Tula/Angela Walters, Modernes Quilten, LV Buch 2016, ISBN: 9783784355092

  

publiziert in Gilde Zeitschrift Patchworkgilde 2/22

1 bericht      2 bericht

Page 1 of 2

  • 1
  • 2

Main Menu

  • Home
  • Über mich
  • Galerie
  • Publikationen
  • Lexikon
  • Was kostet ein Quilt
  • Kurze Geschichte des Quiltens
  • Offene Gärten im Kreis Kleve
  • DSVGO Datenschutzerklärung
  • AGBs
  • Impressum