Meine Eindrücke als Teilnehmerin am Textile Intensive Course
Textile Research Centre in TRC, Leiden, Juni 2024
Das Textile Research Centre (TRC1) wurde 1991 als unabhängige Stiftung gegründet mit dem satzungsmäßigen Ziel, der Erforschung von Textilien, Kleidung und Accessoires ihren angemessenen Platz in den Geistes- und Sozialwissenschaften, aber auch im Kontext des Handwerks und der Handwerksausbildung zu geben. Das TRC tut dies, indem es Kurse und Vorlesungen anbietet, Forschung betreibt und Textilien und Kleidung aus aller Welt präsentiert. Die beiden hauptsächlichen Forschungs-Schwerpunkte des TRC sind (a) Kleidung und Identität: was Menschen tragen, um auszudrücken, wer sie sind, und (b) die Erforschung und Sichtbar-Machung von Textiltechnologie, also die Herstellung und Aufbereitung von Kleidung und Textilien, sowohl aus vorindustriellen als auch aus modernen Epochen, ebenso wie die unzähligen textilen Fertigkeiten wie z.B. Nähen, Spitzenklöppeln, Applikation und Stickerei zu präsentieren und zu bewahren. Seit 2009 ist das TRC im Zentrum der historischen Stadt Leiden in den Niederlanden untergebracht, hier stehen Ausstellungsflächen, ein großes Depot, Büros und Arbeitsräume zur Verfügung.
Um seiner Aufgabe nachzukommen, baut das TRC kontinuierlich verschiedene Sammlungen auf, darunter eine Textil- und Bekleidungssammlung für Textilien, Stoffe, Trachten und Gewebearten aus aller Welt, insgesamt eine unvorstellbar große und vielfältige Sammlung selbst gesammelter, aber auch gespendeter Textilien und zugehöriger Accessoires. Das TRC beherbergt derzeit fast 50.000 textile Objekte, die alle katalogisiert und online zugänglich sind. Viele dieser Textilien sind für sich genommen historisch und biografisch bedeutsam, doch die Sammlung wurde als pädagogisches Instrument aufgebaut und repräsentiert alle möglichen Techniken, Materialien und Werkzeuge zur Herstellung und Verzierung von Textilien und Kleidungsstücken, die heute noch verwendet werden, von denen einige jedoch bald in Vergessenheit zu geraten drohen wie z.B. die Spitzen-Klöppeltechnik. Gleichzeitig wird eine Referenzsammlung mit Mustern und Objekten aufgebaut, die zur Identifizierung verwendet werden können und (in einigen Fällen) auch Proben für die analytische Analyse von Textilien (Faser-, Farbstoff-, DNA-Analyse usw.) bereitstellen. Die Sammlung umfasst Faserproben, Fäden- und Garnarten, gewebte und nicht gewebte Formen, Spitzen, bestickte und hand- und maschinenbedruckte Textilien sowie eine Vielzahl verschiedener Geräte zur Textilherstellung, u.a. eine Sammlung von historischen und modernen Nähnadeln aus mehreren Jahrhunderten. Diese Referenzsammlung steht Forschungseinrichtungen und Wissenschaftlern zur Verfügung, um die Identifizierung textiler Formen und Techniken zu unterstützen.
Die Bibliothek des TRC (rund 6500 Bücher, eine umfangreiche Artikelsammlung sowie Bildmaterial wie Fotografien, Drucke und Postkarten) unterstützt die Forschung zusätzlich. Diese Bücher decken ein breites Spektrum an Themen rund um Textilien und Kleidung ab. Sie sind in drei Hauptgruppen unterteilt: (a) Nachschlagewerke; (b) Anleitungen und (c) regionale Textil- und Kleidungsstudien. Der Katalog der Bibliotheksinhalte ist online verfügbar.
Um Textilien und Kleidung bekannter zu machen, organisiert das TRC in regelmäßiger Abfolge eine Reihe von Intensivkursen und Workshops zu verschiedenen Themen rund um Textilien und Kleidung, einschließlich Textiltechnologie. Studierende, Designer und Wissenschaftler aus vielen Ländern kommen nach Leiden, um die Einrichtungen des TRC zu nutzen und an Workshops und Kursen teilzunehmen. Dazu gehört ein regelmäßig stattfindender mehrtägiger Kurs zu den grundlegenden Techniken der Textilherstellung, der sowohl nationale als auch internationale Teilnehmer*innen anzieht. Der „Textil Intensive Course“, an dem ich kürzlich teilgenommen habe, wird von Dr. Gillian Vogelsang-Eastwood2, der Gründerin des TRC, geleitet, und dauert fünf Tage. Jeder Tag ist jeweils einer der kompositorischen Technologien gewidmet, aus denen Textilien bestehen. Das Kurskonzept besteht also darin, jeden Tag eine Fertigkeit zu erlernen, und zwar nicht, um tatsächlich ein Textilstück herzustellen, sondern um konzeptionell die dahinterliegende Technik durch eigenes Tun zu erfassen.

Resist-Dyeing3

Weben

Färben von Wolle mit unterschiedlichen natürlichen Farbstoffen und Beizen
Der Kurs begann mit der Erläuterung der Eigenschaften von Fasern, Garnarten und ihrer Konstruktion wie Spinnen, Kardieren usw.. Anschließend wurden grundlegende Webarten und Webtechniken erläutert – mit besonderem Schwerpunkt auf Samt. Anschließend folgten eine Webanalyse, eine Diskussion über Naturfarben und Färben, eine Einführung in Batik, Ikat- und Wachsdruck sowie abschließend Druck und Stickerei. All diese Themen wurden zunächst praktisch und anschließend theoretisch behandelt, um, wie Dr. Vogelsang-Eastwood, erklärt, das Thema „empirisch zu verstehen“. Dabei sprangen wir innerhalb eines Tages von der mikroskopischen Analyse von Fasern zu einer Lektion über Beizen und die Vielfalt vormoderner Farbstoffe – und das alles mit der gebotenen Intensität, die das anspruchsvolle Kursprogramm versprach.
Dr. Vogelsang-Eastwood ermöglichte dem internationalen Teilnehmerinnenteam auch die taktile Auseinandersetzung mit den Textilien, indem sie moderne und vormoderne Stücke aus Kisten nahm, damit wir sie betrachten und betasten konnten. Die weltweit anerkannte Expertin für die Analyse und Geschichte aller Arten von Textilien führte uns dabei akribisch und mit gebotener Bestimmtheit und einer guten Prise Humor in die Besonderheiten globaler Textilien und in die Textilherstellung in historischen Kontexten ein. Beim Stöbern in Büchern und beim Besuch von Ausstellungen hat man selten die Möglichkeit, Textilobjekte so genau zu betrachten, dass man die Webart des Stoffes erkennt und die Stiche einer Stickerei oder Applikation identifizieren könnte. Daher war es ein besonderes Vergnügen, hier tatsächlich einmal auch kostbare und historische Stück anfassen und im Detail Vorder- und Rückseite mit und ohne Lupe in Augenschein nehmen zu können und in die Diskussion und Analyse alter (und sehr, sehr alter) Stoffe einsteigen zu können. Objekte der Sammlung, wie sie man in Nationalmuseen oder vermögenden Privatsammlungen erwartet (und wir sahen nur einen Bruchteil davon), konnten wir berühren, anfassen, bewundern, und von ihnen lernen.
In dieser Woche lernten wir alle eine Menge neuer Fertigkeiten: Wolle kardieren, spinnen, färben und mit den dafür notwendigen Chemikalien und Beizen arbeiten, weben und sogar Samt herstellen. Es gab nichts, was wir nicht angefasst oder ausprobiert hätten, und neben harter Arbeit gab es auch jede Menge Kekse und viel Gelächter. Mittagspausen wurden oft ausgelassen, um in der Bibliothek zu stöbern, Fotos zu machen und noch tiefer einzusteigen in diese faszinierende Thematik unseres textilen Erbes. Die letzten Tage verbrachten wir damit, aus dem Archiv der Sammlung immer komplexere Textilarbeiten einer unglaublichen Vielfalt von Kulturen und Materialmixen zu „lesen“. Unnötig zu erwähnen, dass wir alle von diesem herausfordernden Programm am Ende des Tages und erst recht am Ende der Woche mehr als nur müde waren….
Als physisches Ergebnis am Ende des Kurses hielt jede Teilnehmerin eine dicke Sammlung mit selbst erstellten Beispielen und zahlreichen, ausführlich erklärten Textilmustern aus dem TRC-Lehrmaterial in den Händen. Wir wurden dazu ermutigt, eine Art Mustermappe zu erstellen: von allen möglichen Fasern (Ziegenhaar, Seidenkokons, Mohair-, Alpaka- und Merinowolle und sogar Mammuthaar), über Musterstücke verschiedenster Stoffqualitäten bis hin zu komplexen Samtstrukturen, die unter Lichteinfall durch ihre erstaunlichen Muster seidig schimmerten. Nachdem ich diese Blättersammlung nach meiner Rückkehr geordnet hatte, stellte sich heraus, dass sie einen ganzen großen Ringordner füllte, und erst da wurde mir klar, wie tief wir in dieser Woche in das Hunderte von Jahren alte textile Erbe unserer Vorfahrinnen eintauchen durften und wie viel ich in dieser Woche gelernt hatte.
Einer der Punkte, die Dr. Vogelsang-Eastwood während des Kurses betonte, war, dass die textile Mustersammlung, die wir kursbegleitend begonnen hatten, uns aufzubauen, auch nach Abschluss des Workshops weiterhin wachsen solle. Diesen Rat habe ich mir zu Herzen genommen und ich habe mir vorgenommen, im Zuge meiner eigenen Arbeiten an Quilt-, Patchwork– und sonstigen textilen Projekten jeder Art, sie kontinuierlich fortzuführen. Was ich aus dieser Woche mitnahm, war ungleich viel mehr als nur ein Ordner voller Notizen und Muster, es war ein Erlebnis und ein Ansporn zugleich, das textile Erbe der verschiedenen Kulturen der Welt wertzuschätzen, zu bewahren und fortzuführen. Fazit: sehr empfehlenswert!
2 Encyclopedia of Embroidery from the Arab World, Bd. 2 Encyclopedia of Embroidery from Sub-Saharan Africa, Bd. 3 Encyclopedia of Embroidery from Central Asia, the Iranian Plateau and the Indian Subcontinent, Bd. 4 Encyclopedia of Embroidery from Scandinavia and Western Europe. Siehe: https://www.bloomsbury.com/us/series/bloomsbury-world-encyclopedia-of-embroidery/
3 Resist Dyeing ist eine Technik, bei der bestimmte Bereiche eines Textils vor dem Färben geschützt werden, um Muster und Designs zu erzeugen. Dies geschieht, indem diese Bereiche entweder mechanisch (z.B. durch Binden, Falten, oder Abklemmen) oder mit einer resistenten Substanz (z.B. Wachs, Paste oder Schlamm) abgedeckt werden. Dadurch wird verhindert, dass die Farbe an diesen Stellen eindringt, und es entstehen helle oder unifarbene Bereiche auf dem gefärbten Stoff.


